Ein Tag im Leben eines Eisverkäufers

Es ist der 14. Juni und das Wetter ist wunderbar. Ich bin gerade aus meinem Bett gekrochen und habe die Rollos meines Fensters geöffnet, da fallen schon die ersten Sonnenstrahlen in das Schlafzimmer und als ich das Fenster öffne, spüre ich die warme sommerliche Prise, die mir vom Patscherkofel entgegenweht.

Die Sommer in Tirol können unglaublich schön sein, auch wenn es oft ein Glücksspiel mit dem Wetter ist. Es ist nicht unüblich, dass es im Sommer jeden dritten Tag regnet. Woher ich das so genau sagen kann? Naja, wenn man eine Eisdiele betreibt, hat man das Wetter ganz gut im Blick, da es ausschlaggebend dafür ist, ob man heute öffnet oder nicht. Ein kleiner Regenschauer und du verkaufst keine einzige Kugel Eis mehr, aber ich habe mich daran gewöhnt. Es hat sogar etwas Entspannendes, wenn es einer dieser Tage ist, an denen der Sommerregen auf den heißen Asphalt trifft und man den einzigartigen Geruch von Sonne und Urlaub in der Nase hast.

 

Ich kann verstehen, warum so viele Tourist:innen zu uns kommen, auch im Sommer. Denn wir haben es wirklich schön auch wenn ich das erst seit wenigen Jahren zu schätzen weiß. Wenn du im Kessel des Inntals aufwächst und jeden Tag die Nordkette vor deiner Nase hast, ist es irgendwann nichts besonderes mehr, bis du dir es selbst wieder bewusst machst.  Dazu braucht es aber oft den Blick von außen, andere Leute, die dir sagen wie schön es ist. oder, wenn du wo anders bist und merkst, dass nicht jeder so ein unglaubliches Panorama hat, so grüne Natur und so klare Luft.

Es ist so als würden wir in Italien am Meer stehen. Für uns ist es ein Highlight, für die Bewohner:innen nichts besonderes. Ich blicke auf die Uhr und merke, dass ich mich etwas beeilen muss, denn heute bin ich selbst dran unsere Eisdiele zu schmeißen, nachdem mein Freund Florian gestern in der Eisdiele stand.

Man kann diesen Monat sowieso nicht mit einem normalen Juni vergleichen, denn derzeit ist gerade Europameisterschaft im Fußball, was dazu geführt hat, dass wir jeden Tag Public Viewing in unserem Gastgarten anbieten. Doch auch generell hat sich einiges durch Corona verändert.

 

Ich wecke meine Freundin und mache uns ein schnelles Frühstück. Normalerweise brunchen wir gerne, aber heute bleibt dafür nicht genügend Zeit. Wir machen noch einen kurzen Stop bei Edis Coffeshop und dann geht es auch schon los. Wir benötigen immer eine halbe Stunde, bis unsere Eisdiele geöffnet werden kann. Der Gastgarten muss vorbereitet werden, das Eis muss in die Vitrine und alles muss nachgefüllt werden. Wenn dann alles steht und die Klappe unseres Foodtrucks geöffnet wird, kann es auch schon losgehen.

 

Aus den Lautsprecher erklingt Adriano Celentano und es kommt ein bisschen italienisches Strandfeeling auf. Das ist auch der Grund warum so viele Gäste ein Eis holen. Es fühlt sich nämlich einfach an wie ein kleines bisschen Urlaub, wenn du dir deine knusprige Waffel mit zwei dicken Kugeln Eis holst, dann im Liegestuhl die Sonne genießt und leise „per sempre“ mitsummst. Eine Eisdiele zu führen ist eigenlicht ein sehr dankbarer Job. Du machst viele Gäste glücklich, kannst die Sonne genießen und bist viel im Freien und oft bekommst du auch Besuch von deinen Freund:innen.

Denn sind wir uns mal ehrlich: Es ist einfach cool, wenn du jemanden kennst, der eine Eisdiele hat. Trotzdem werden die Tage oft lang, gerade derzeit wenn die Fussball EM stattfindet. Es gibt auch mal Gäste, die etwas anstrengender sein können. Das Gegröle, die Anfeindungen zwischen den zwei Fanlagern und die „lustigen“ Sprüche die man sich oft anhören muss. Aber so ist die Gastro eben. So schön und interessant sie sein kann, so hart und anstrengend ist sie. Deswegen habe ich auch den einen oder anderen Tag abgegeben, um einfach mal abzuschalten und Energie zu tanken.

 

Ich liebe meine Eisdiele, sie ist ein bisschen so wie ein Kind, um das man sich kümmern muss, aber sie kann eben auch Nerven kosten. Mittlerweile ist früher Nachmittag und zwischen Fruchtbecher und Einhornshake kommen die ersten Gäste, die das nächste Spiel schauen wollen und sich mit dem ersten Bier in den Liegestühlen platzieren. Es ist ein bisschen surreal, wenn man sich in diesem Mikrokosmos der Eisdiele befindet, in dem man kleinen Kindern ihr Elsa- Eis mit Streuseln gibt, den Müttern und Vätern gerührten Eiskaffee macht und sich daneben „gestandene“ Männer über ihr Fußballwissen austauschen.

In diesem Mikrokosmos kann einfach alles passieren und das werden viele aus der Gastronomie kennen. Man erlebt Höhen und Tiefen. Menschen die ihre Geburtstage feiern, Eltern die ihre Kinder nicht unter Kontrolle haben, Gäste denen ihr Eis auf den Boden fällt und verzweifeln (nein das ist kein Klischee, das passiert wirklich), Teenies die mit ihrer Crew, „nice pics für insta“ machen und damit den nächsten Social Media Hype lostreten.

 

Es ist verrückt, was man aus dem Blickwinkel, hinter der Vitrine alles wahrnimmt und selbst ist man nur der stille Beobachter, der oft für die Gäste unsichtbar ist. Und sind wir uns mal ehrlich, wer wollte nicht schon mal unsichtbar sein? Aus dem Nachmittag wurde mittlerweile der frühe Abend und von Gästen ist nur mehr die Fußballfraktion übrig geblieben, was wohl daran liegt, dass die meisten Kinder bald ins Bett müssen.

Da gerade alle Gäste versorgt sind, nehme ich mir selbst meinen Sommerspritzer und setze mich an den Tisch zu meinen Freund:innen. Das sind dann die wunderbaren Momente in denen man kurz durchatmen kann und einem bewusst wird, wie toll der Job doch sein kann. Man sitzt mit seinen Bekannten bei einem Gläschen, schaut Fußball, die Sonne geht langsam unter und man wird für all das auch noch bezahlt. Bis dann die Sperrstunde kommt, alle Gäste gehen und man selbst noch aufräumen und putzen darf, bevor man dann müde und erschöpft nach Hause fahren kann, um morgen wieder dasselbe zu tun.

 

Mir kommt oft vor, die Gastronomie ist ein Drahtseilakt auf dem man vorsichtig balanciert um nicht in die Tiefe zu stürzen. Ich liebe sie und ich hasse sie zur gleichen Zeit, da man immer aufpassen muss, nicht auf einer Seite hinab zu fallen. Umso erfreulicher ist es dann, anderen Gastronom:innen zuzusehen, wie sie die Balance meistern.

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